"Biegen oder brechen..."


 

 

 Viele Leser wollten bei Lesungen wissen, ob die Geschichte des Buches
 "Wo sein Weg hinführter-von Anfang an"
zu Ende ist.
Was ist aus den Protagonisten geworden.

* * * * * *
 
 
Als junge Frau war sie plötzlich aus seinem Leben verschwunden,
 
 
 
ohne Abschied.
 
 
Was blieb war Leere, Verzweiflung und Hoffnungslosigkeit.
 
Ein halbes Jahrhundert später:
Plötzlich ein Brief aus Amerika.
Wiedersehn in einer anderen Welt.

Aber die alte Welt lebte noch immer in ihren Seelen.

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Reiner-Langenbach-Zidar-9783745035254/62146?

 

"Biegen oder brechen"
-sie nannten es Ordnung-


1966

  „Angeklagter Sie haben das letzte Wort.“
 
Der Angesprochene schien nicht zu reagieren. Rolf Kirst auf der hölzernen Anklagebank sah mit fast unbewegtem Gesicht vor sich hin. Ebenso bewegungslos hatte er dem Plädoyer seines Pflichtverteidigers zugehört und dabei mit gesenktem Kopf immer wieder leicht den  Kopf geschüttelt.
 „Herr Kirst“, wiederholte der vorsitzende Richter der großen Strafkammer etwas verwundert, „möchten Sie den Ausführungen Ihres Verteidigers noch etwas hinzufügen?“
 Im vollbesetzten Saal der IV  großen Strafkammer des Landgerichts erhob sich ein  vernehmliches Murmeln unter den Zuhörern, so dass der Richter mit leicht gerunzelter Stirn seinen kritischen Blick über die Anwesenden schweifen ließ.
   Selbst der Staatsanwalt unterbrach das ordnen seiner Akten, nachdem er zuvor für den dreiundzwanzigjährigen Angeklagten neun Jahre und drei Monate Gefängnis beantragt hatte, und für dessen ein Jahr jüngere Frau als Mitangeklagte vier Jahre und drei Monate.
   Der Blick des Angeklagten suchte die Augen seiner zierlichen Frau Eva. Diese saß neben ihrem Rechtsanwalt in sich zusammen gesunken in einer Bank vor ihm, wie ein vom schlechten Gewissen geplagtes Schulmädchen. Sie hatte die Augen niedergeschlagen, ihre Hände lagen etwas verkrampft in ihrem Schoß, und wer sie genau beobachtete konnte ein leichtes Beben ihrer schmalen Schultern wahrnehmen. Der etwas   verstört erscheinende Pflichtverteidiger von Rolf Kirst drehte sich verwundert halb zu seinem Mandanten, als dieser sich langsam erhob und zu sprechen begann:
  „Hohes Gericht, Herr Staatsanwalt…“ Es folgte eine Kunstpause während dessen sich der Kopf von Eva langsam zu ihrem Mann drehte. Ihre Augen waren groß auf ihn gerichtet, aber ihr Blick zeigte nur ihre grenzenlose Angst und Verzweiflung. „Ich schließe mich den Worten meines Verteidigers…“, Rolf Kirst unterbrach sich, um mit  rauer Stimme fortzufahren, „ich schließ mich den Ausführungen meines Verteidigers…nicht an.“
  Erneut entstand Unruhe im Saal, wo die Zuhörer seit Stunden gespannt und teilweise voyeuristisch dem dramatischen Verlauf des Verfahrens folgten. Manche kannten noch die Schlagzeilen aus der Presse:

„Bankräuber wollte gerade im Smoking mit junger Ehefrau ins Kurhaus gehen."
 
Und der öffentliche Fahndungsaufruf in den Abendnachrichten im Fernsehen, mit Bildern der Gesuchten, wurde nur  noch durch die Regenbogenpresse überboten:
"
Warnung an die Bevölkerung: Vorsicht, der Täter ist bewaffnet und macht rücksichtslos von der Waffe Gebrauch."

 Die Waffe stellte sich später als harmlose Luftpistole heraus.

  Der Vorsitzende der großen Strafkammer schaute weniger verwundert, als mehr interessiert zu dem Angeklagten, und auch die beisitzende Richterin faltete mit aufgestützten Ellenbogen abwartend die Hände vor dem Kinn. Der dritte hauptberufliche Richter schien genervt, legte seine bereits zusammen geklappten Akten betont langsam wieder auf den Richtertisch und schüttelte erkennbar missbilligend den weißhaarigen Kopf.
  Auch der etwas konsternierte Pflichtverteidiger hatte sich zunächst völlig zu seinem Mandanten umgedreht, um sich dann ebenso kopfschüttelnd abzuwenden.

  Im Gerichtssaal war es inzwischen Mucksmäuschen still geworden und selbst der Staatsanwalt schaute interessiert zu dem ordentlich gekleideten jungen Angeklagten, als dieser neuerlich zu sprechen begann.

 „Herr Richter…“, begann er und sah dabei den Vorsitzenden direkt an, „mein Verteidiger hob meine besonders schwere Nachkriegskindheit und Jugend hervor. Der Vater im Krieg vermisst, die Entbehrungen als Halbwaise, die anschließende Onkelehe der Mutter, das ganze bekannte Kaleidoskop zur Strafmilderung eben. Aber hier irrt mein Anwalt…“ Er unterbrach sich und schaute dabei zu den zahlreichen Zuhörern. „Wenn dem so wäre…“, neuerlich folgte eine Kunstpause, „wenn dem wirklich so wäre…“, fuhr er sich wiederholend fort, „müsste der größte Teil der Nachkriegsgeneration im Gefängnis sitzen.“ Und fast zornig fügte er noch hinzu: „Ich bin intelligent genug, um zu wissen, was ich angerichtet habe. Ich bin kein Opfer…“, seine Backenmuskeln spannten sich als er anschließend schloss, „ich bin Täter.“

 Neuerlich entstand Unruhe im Saal, die als Zustimmung zu den Ausführungen des Angeklagten gewertet werden konnte,  während der Staatsanwalt mit schräg geneigtem Kopf interessiert zu dem seltsamen Angeklagten hinüber schaute. Sein angedeutetes Nicken, die hochgezogenen Augenbrauen und die zugespitzten Lippen schienen Erstaunen  zu signalisieren. Der Pflichtverteidiger von Rolf Kirst hob die Hand und wollte ums Wort bitten, aber der Angeklagte achtete nicht darauf als er weiter sprach:

 „Ja, ich bin Täter“, sagte er mehr zu sich selbst, während die zwei beisitzenden Schöffen aus ihrer Lethargie erwacht zu sein schienen und ihn interessiert musterten. „Aber warum, meine Damen und Herren…?“
Sein Blick wanderte langsam von den Schöffen über die drei Berufsrichter der großen Strafkammer, bis hin zum etwas mokant lächelnden Ankläger.
  „Herr Kirst…“, wurde er vom Vorsitzenden ermahnt, „es ist unüblich, das Gericht mit Damen und Herren anzusprechen. Diese naja...mehr als einschlägige Gerichtserfahrung aus Ihrem Werdegang die haben Sie doch wohl", kam es süffisant noch als Anmerkung. Dabei wog der Vorsitzende  bezeichnend die bereits geschlossene dicke Strafakte mit beiden Händen in seine Richtung leicht auf und ab, als wolle er damit signalisieren, dass der Angeklagte es darum gefälligst kurz machen möge. Und er ergänzte noch: "Wenn Ihnen die Anrede hohes Gericht so schwer fällt, dann sagen Sie einfach Herr oder Frau Richter."
  Aus den hinteren Reihen der Zuschauerplätze brummte es vernehmlich: "Wenn schon, dann Richterin", was der Vorsitzende aber geflissentlich überhörte. Nur der Staatsanwalt lächelte wieder fein. Die beisitzende Richterin schien ebenso amüsiert.

  Rolf Kirst ignorierte die Rüge des Richters offenbar.  Er hatte sich auf den heutigen Tag wochenlang in der U-Haft vorbereitet und er würde es zu Ende führen. Es war Evas einzige Chance, und dafür wollte er kämpfen. Trotzdem wich er nach der Unterbrechung, für alle überraschend, von seinem Konzept ab, vor allem nach der Bemerkung des Richters, als er vor sich hinsehend und fast nachdenklich mit dem Kopf nickend  langsam und leise wiederholte:
 "Einschlägige Erfahrung, Werdegang...o ja."
 Und nach einer kurzen Pause sah er den Richter durchdringend mit zusammengepressten Lippen an, als es fast grollend aus ihm herausbrach:
  „Es war immerhin Ihre ach so hohe und unfehlbare juristische Fraktion, die jungen und jüngsten fehlgeleiteten Menschen die Tür vor der Nase zuschlug und sie einem Strafsystem überließ, von dem man glaubte, es nach der NS Zeit überwunden zu haben. Käfige, Mißbrauch, Prügel..."
  „Herr Kirst…!“, wurde er sofort vom Vorsitzenden jetzt donnernd und merklich verärgert unterbrochen, „Sie schrammen ganz knapp an einer Ordnungsstrafe vorbei. Sie haben zwar das letzte Wort, aber das Gericht kann Ihnen bei Missachtung auch das Wort entziehen."
 Noch während der richterlichen Rüge sah man deutlich im Gesicht des jungen Angeklagten die wachsende Anspannung. Seine Nasenflügel spannten sich, während seine Wangenmuskeln nervös zuckten. Er wusste, dass er in sein altes Verhaltensmuster abglitt und dabei war, die Kontrolle zu verlieren.
 D
ie Mehrzahl der Zuhörer im Saal schüttelte den Kopf und es hob neuerlich ein kritisches Gemurmel an, das jedoch von dem Angeklagten erregt unterbrochen wurde.
  „Ich bitte um Entschuldigung, hohes Gericht“, wobei er neuerlich die Anrede hohes Gericht fast zornig und ironisch wiederholte, „aber leider fehlen mir halt ein paar wichtige Jahre aus meiner Jugend, dank meiner Gerichtserfahrung."
  Die letzte Bemerkung hatte er sarkastisch an die Adresse des Vorsitzenden hervorgestoßen. Die Blicke vom Richtertisch waren ablehnend und streng auf ihn gerichtet. Der Vorsitzende hatte die dicke Strafakte wieder vor sich liegen und seine Hände lagen mit gespreizten Fingern darauf. Nur der Staatsanwalt nickte ironisch lächeln vor sich hin, was soviel hieß, wie: 
  Alle anderen sind schuld, nur der Straftäter mal wieder nicht...

 Als Rolf Kirst weiter sprach, bebte seine sonst so sonore Stimme ein wenig.
 "Die Zeit, wo andere lernten mit Konflikten umzugehen, ja, Konflikte zu lösen, verbrachte ich in den Häusern und Käfigen, worin ich nach drakonischen Strafurteilen jahrelang zu leben hatte. Wir hatten in der Nachkriegszeit mit vierzehn, fünfzehn Jahren geklaut. Fahrräder, Alteisen, ein altes Auto, Ladendiebstahl, ja und?  Die Folgen waren Gitter, hohe Mauern, brüllende uniformierte Wärter und immer wieder Prügel. Da sinkt nicht nur die Hemmschwelle und der Respekt rapide. Und wenn Sie für das WARUM eine Ursache finden wollen, dann fangen Sie dort an zu graben.“

  Aller Augen schauten verwundert in die Richtung des heftig atmenden Angeklagten, dessen Hände die Balustrade der Anklagebank so stark umklammerten, dass die Knöchel weiß hervor traten. Der eine oder andere Zuhörer im Gerichtssaal schien auf eine strenge Reaktion des Vorsitzenden zu warten. Diese lag greifbar in der Luft. Die anwesenden Journalisten kritzelten eifrig in ihre Stenoblöcke, und sie blickten dabei immer wieder kurz zu dem Angeklagten, der plötzlich wohl Täter und Richter in einem sein wollte, obwohl er damit von seiner vorherigen Betonung, Täter und nicht Opfer zu sein, deutlich abwich.   Selbst die Anwälte hatten sich dem angeklagten jungen Straftäter verwundert zugewandt.
Plötzlich vernahm man leise aber unüberhörbar einen besorgten Zwischenruf aus Richtung der Anklagebank, wo Eva erschrocken zu ihm hin blickte.

  „Rolf, bitte…!“

  Er sah zu ihr hin und bemerkte, dass ihr Kinn leise zitterte. Sein Anwalt wollte ihm beruhigend die Hand auf den Arm legen, aber er schüttelte fast unwillig den Kopf. Und der Richter, welcher zunächst erneut mahnend die Hand gehoben hatte, ließ ihn gewähren, als es fast monton aus ihm herausbrach:
  „Nicht einer hier im Saal…“, er machte eine weit ausholende Handbewegung, „nicht einer wird dieser jungen Frau unterstellen, dass sie ohne meinen Einfluss jemals in die heutige Situation gekommen wäre.“
  Die meisten der Zuhörer im Saal nickten zustimmend. Selbst die junge Gerichtsschreiberin schaute interessiert in seine Richtung, als der ungewöhnliche Angeklagte fortfuhr:  „Inzwischen sitzt sie fast ein Jahr unschuldig in Untersuchungshaft. Und der Herr Staatsanwalt will sie noch für weitere vier Jahre hinter Gitter bringen. Warum? Um Gottes Willen, warum...? Eine junge Frau, die bis zum Ende immer und immer wieder versucht hat, mich von all dem abzuhalten, wofür heute diese Verhandlung stattfindet. Und…“

 „Herr Kirst…“, wurde er vom vorsitzenden Richter jetzt ruhig unterbrochen, „Sie haben zwar das letzte Wort, dieses dient aber nicht einem Plädoyer für ihre mitangeklagte Ehefrau.“
  Rolf Kirst wandte seinen Blick nicht von Eva ab, als er, ohne auf den Einwand zu hören, weiter sprach:
 „Wenn der Herr Staatsanwalt nur für einen Moment sein juristisches Korsett öffnet, dann würde ihm klar sein, dass die Gesellschaft sogar eine Bringschuld gegenüber dieser jungen Frau hat, eine Bringschuld, die den strafrechtlichen Vorhalt bei weitem aufwiegt, aber…“
  „Herr Kirst…“, unterbrach der Vorsitzende mit etwas erhobenem rechten Zeigefinger erneut und inzwischen erstaunlich geduldig, „trauen Sie diesem Gericht ruhig zu, genau abzuwägen, welches Strafmaß auch bei einem möglichen minder schweren Fall  zur Anwendung kommen muss.“

 Dieses Signal verursachte beim Ankläger unvermittelt ein heftiges Stirnrunzeln. Auch der Anwalt von Eva schien dieser aufgeregt etwas ins Ohr zu flüstern und machte sich eifrig Notizen, als der Richter betont geduldig belehrend fortfuhr:
  „Sie sind hier der Angeklagte, Herr Kirst, und Sie haben auch das letzte Wort zu Ihrer Verteidigung. Überlassen Sie die Verteidigung Ihrer Ehefrau doch vertrauensvoll einfach deren Anwalt.“ Und fast wohlwollend fügte er offenbar etwas amüsiert noch hinzu: „Sie hätten eher eine juristische Laufbahn einschlagen sollen.“

  Unter den Zuschauern verursachte die letzte Anmerkung des Vorsitzenden eine kaum unterdrückte verständnisvolle Heiterkeit, die man inzwischen als eine gewisse Sympathie für den Angeklagten deuten konnte. Selbst die Zeitungen schrieben später von einem fast sympathischen Angeklagten, der deutlich spürbar für seine Frau kämpfte.  Aber es wurde sofort wieder ruhig und aller Augen richteten sich auf den angeklagten Rolf Kirst, der unvermittelt  fast flehend sagte:

 „Bitte erlauben Sie mir noch, bei allem Respekt, die von mir genannte gesellschaftliche Bringschuld gegenüber meiner Frau zu erklären.“
Der Vorsitzende neigte abwägend sein Haupt und deutete mit der Hand sein Einverständnis an. Mit kaum wahrnehmbarem Kopfschütteln schien der Ankläger seine Missbilligung auszudrücken.

 „Eva…das heißt meine Frau hat mir blind vertraut...“, leise, fast unhörbar fügte er hinzu, „und sie tut es noch.“ Mit gesenktem Blick und unbewusst knetenden Händen vor der Brust sprach er leiser werdend weiter:
 „Als wir uns kennen lernten war sie eine junge Witwe. Eine Witwe mit kaum achtzehn Jahren, eigentlich noch ein junges Mädchen. Ihr erster Mann war Soldat bei der Bundeswehr und ist bei einem Panzermanöver tödlich verunglückt. Weg...einfach so."
  Er unterbrach sich, ließ seinen Blick langsam über die Richterbank gleiten, um dann den Staatsanwalt starr zu fixieren, als er endete:
"Ein Opfer, Herr Staatsanwalt, ein Opfer für die Gesellschaft, mit Ehrenbegräbnis, Fahnen, Salutschüssen. Und danach....Leere, Stille und Verzweiflung.“

 Die Schöffin hatte ihre bequemere Sitzposition aufgegeben und saß vornüber gebeugt auf ihrem Stuhl. Sie hatte einem Impuls folgend die Hand über ihren Mund gelegt, bewegte dabei kaum wahrnehmbar den Kopf hin und her und schaute in die Richtung der mitangeklagten in sich zusammen gesunkenen jungen Frau. Der beisitzende Richter blätterten kopfschüttelnd mit gerunzelter Stirn in den wieder vor ihm liegenden Akten und er suchte fragend den Blick des Anklägers. Dieser hatte bedauernd beide Hände leicht angehoben; ihm schien es bei seinem vorherigen Plädoyer unerheblich gewesen zu sein.

  Leise kam neuerlich der  bittende Ruf von Eva:
„Rolf...“

  Er schaute traurig zu ihr hin und wandte auch den Blick nicht von ihr ab, als er mit belegter Stimme weiter sprach:
  "Unser gemeinsamer Weg wird hier zu Ende sein....verzeih mir, Eva."

 Es war still, sehr still im Gerichtssaal. Der Anklagevertreter schaute verschlossen vor sich hin. Aus den Reihen der Zuhörer vernahm man leise, aber doch vernehmbar:

  „Freispruch für diese Frau.“

 Der vorsitzende Richter  schaute warnend und mit  ärgerlich zusammengezogenen Augenbrauen über seine randlose Brille zum Publikum, wandte sich dann aber dem Angeklagten zu und fragte in die Stille hinein:

  „War das Ihr letztes Wort, Herr Kirst?“

  Langsam löste Rolf Kirst seinen Blick aus den  weit geöffneten Augen von Eva, die ungläubig und kaum wahrnehmbar den Kopf schüttelte. Er schaute den Richter an als er leise sagte.

  „Ja…danke für Ihre Geduld.“

    Und seine Seele weinte.

 

 

2015

 

Fast fünfzig Jahre später

 WARUM?

Roman

  Mit unbewegtem Gesicht rückte er im Ankunfts- Terminal von Seattle Washington langsam weiter. Der police officer immigration am Einreiseschalter stellte seit gefühlten Stunden immer die gleichen blöden Fragen an die über zweihundert müden Passagiere von Flug Delta 713 aus Frankfurt: Was sie in Amerika wollen, wo sie wohnen, wen sie kennen, wie lange sie bleiben…

  Ihn schien das nicht sonderlich zu stören. Fast automatisch schob er seinen kleinen Roll-Trolley mit dem Fuß dann um einige Zentimeter weiter, wenn der nächste Passagier die Gnade für die Eintrittskarte ins gelobte Land Amerika erbat. Nur seine Augen wanderten langsam über die Gesichter von den in der riesigen Ankunftshalle wartenden Menschen. Das Terminal leerte sich dabei langsam und noch immer hatte er sie nicht entdeckt.
  „Mister, where are you from…? Your passport please.”

  Seine Augen blieben plötzlich an einer schmalen Person hängen, die halb im Hintergrund einer überdimensionalen Werbetafel von Alamo Car rental  stand, während sich sein Kopf langsam in diese Richtung drehte. Sein Gesichtsausdruck schien zweifelndes Erkennen auszudrücken, während seine Lippen kaum wahrnehmbar langsam den Namen E v a formten. Er hatte es so gehofft, dass sie zum Flughafen kam, jedoch…

  „Sir…your passport!”, sprach ihn der Officer diesmal offensichtlich ziemlich genervt an. Entschuldigend wandte er sich etwas erschrocken dem Beamten  zu.
  Excuse me, Sir, I'm a little tired”, radebrechte er  in seinem nach langer Zeit etwas holprigen Englisch. „Ich bin müde”, murmelte er noch auf Deutsch hinterher. Allerdings war er tatsächlich von dem zwölfstündigen Flug etwas gerädert, aber sein Herz begann plötzlich schneller zu schlagen.

  „Sie ist es…”, hämmerte es in seinem Kopf, „es ist Eva.“
  Immer wieder hatte er sich vorgestellt, wie eine Begrüßung nach so vielen Jahren ablaufen könnte, was er, und vor allem, was sie sagen würde......

  Ohne den Blick von der noch halb hinter der Werbetafel verborgenen Gestalt abzuwenden, nahm er fast mechanisch seinen abgestempelten Reisepass von dem inzwischen verwundert hin und her schauenden police officer entgegen. Langsam, den Roll-Trolley hinter sich herziehend, betrat er die riesige Ankunftshalle von Seattle. Die Dame war inzwischen völlig hinter der Werbetafel hervorgetreten und hielt mit beiden Händen wie schutzsuchend eine kleine Handtasche vor sich. Sie kam ihm langsam entgegen und seine Augen weiteten sich, während seine Lippen fast unmerklich zitterten. Als sie nur noch wenige Schritte von ihm entfernt stehen blieb, hörte er, was ihm vor wenigen Sekunden zur Gewissheit geworden war, als sie leise sagte:

 

 „Hello Dad…, I am your daughter.“

 


........................

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